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2021

GAMLA SNICKERIET

Wo die Liebe zu gutem Kaffee
neues Leben in eine alte Schreinerei in Schweden brachte

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Fröstelnd erwache ich und schaue auf mein Telefon: 3°, 6:54, 10. Oktober. Ein kurzer Blick aus dem Fenster; Nebel zwischen hohen Kiefern, eine stille Armee irgendwo mitten in Schweden.

In unsere Schlafsäcke gekuschelt setzen wir Wasser auf und bereiten zwei Schalen warmes süßes Porridge zu, um Körper und Geist sanft zu wecken. Eine knapp dreistündige Fahrt erwartet uns, an deren Ende wir Joachim Segerstedt treffen werden, in der Kleinstadt Säter, 200km nordöstlich von Stockholm.

Ein paar Minuten nach Elf erreichen wir ein typisches rotes Holzhaus, die Tür dunkelgrün gestrichen, und noch bevor wir anhalten, kommt ein langhaariger Typ winkend und lächelnd auf uns zugelaufen – was für ein herzliches Willkommen. Und perfektes Timing für einen zweiten Kaffee!

Viele Jahre lebte Joachim in Stockholm und arbeitete dort als Barista, bevor er mit seiner schwangeren Freundin einen Ort suchte, an dem sie gut leben und in entspannterer Umgebung ihre Kinder großziehen könnten. Seine Eltern hatten ein Sommerhaus hier in der Gegend und so kam es, dass er der „Gamla Snickeriet“ in diesem 4.700 Seelen-Ort zu neuem Leben und einer neuen Bestimmung verhalf. Noch immer erinnert er viele der schier endlos scheinenden Sommer, die er in seiner Kindheit hier verbrachte.

Mit dem Umzug änderte sich vor allem die Taktung ihres Lebens, doch war es auch ein Wandel in den Prioritäten und vielleicht sogar in der Denkweise – ganz besonders in Bezug auf die Definition, was genau es ist, das einen guten Kaffee ausmacht oder worum es dabei wirklich gehen sollte.

Nach nun beinahe drei Wochen in Schweden ist uns bewusst geworden, dass die Kultur rund um Spezialitätenkaffee hier noch nicht so verbreitet ist. Vielleicht in Stockholm und Göteborg, doch definitiv nicht in den weiten ländlichen Gegenden. Wo „European Coffee Trip“ beeindruckende 60 Cafés nur für Berlin auflistet, werden für ganz Schweden gerade einmal 26 empfohlen…

Während er eine seiner eigenen Röstungen für uns brüht, beginnt Joachim uns seine ganz persönliche Kaffeegeschichte zu erzählen, in der es vor allem darum geht, Freude und Genuss in den Lebensalltag einer Gemeinschaft zu bringen.

Vor etwas mehr als 10 Jahren besuchte Joachim Freunde in Berlin, als Kreuzberg noch deutlich mehr Punkrock war und Specialty Coffee auch dort noch nicht wirklich angekommen. An irgendeinem Sonntag stolperte er mehr zufällig ins „Bonanza“, damals noch eine kleine Rösterei ohne Sitzplätze, bestellte einen Cappuccino – und das änderte für ihn alles:

„Nie zuvor hatte ich einen solchen Kaffee getrunken. Ich dachte „Okay, das ist einfach…next Level!“. Kaffee in Stockholm war damals wirklich schlecht, aber Kaffee in Berlin war übel! Und ich fühlte, dass ich meine Berufung gefunden hatte – das ist es! Endlich weiß ich, was ich machen will! Und ich dachte mir „Ich sollte einen Shop wie diesen in Stockholm aufmachen!““

Genau das tat er auch. Bei „Mogen & Grus“ servierte er den besten Cappuccino, den Stockholm je gesehen hatte aus Bohnen der Bonanza Rösterei. Es war ein sehr kleines Café, knapp 20qm in einer Seitengasse in Södermalm – und ausschließlich auf Kaffee ausgerichtet: „Es gab vielleicht ein paar Croissants, aber davon abgesehen einfach nur Kaffee. Eine richtig schlechte Geschäftsidee… “ erinnert Joachim sich lachend.

Schon damals war dieser Bezirk, der heut als die „Hipster-Insel von Stockholm“ weltbekannt ist, ziemlich unerschwinglich und 1000€ Miete nur mit Cappuccini einzunehmen ein finanzieller Trick, den er nicht wirklich beherrschte.
Er arbeitete irrsinnig viel, bot bald auch kleine Mittagssnacks an und die Leute liebten es! „Mogen & Grus“ wurde wohlbekannt für seine entspannte Atmosphäre und das Gefühl, dass man „nie genau sagen konnte, wer dort arbeitete oder einfach nur abhing“, wie es ein Gast einmal beschrieb.

Eines Tages lud ihn ein Stammkunde in dessen eigene Rösterei ein, die ein paar Kilometer außerhalb von Stockholm lag. Es wurde ein weiterer Tag, der ernsthafte Konsequenzen nach sich zog!

„Ich begann nachts dorthin zu fahren und Kaffee zu rösten, während ich tagsüber weiterhin Cappuccini im Café servierte. Ich wollte mehr über den kompletten Prozess lernen und es war wirklich befriedigend. Grünen Kaffee zu finden, ihn so zu rösten, wie es mir gefiel, und ihn dann in meinem eigenen Laden anzubieten. Damals wollte ich den Leuten vor allem zeigen, was Kaffee alles sein konnte! Irgendwann hatten wir zwei Espresso- und acht verschiedene Filter-Varianten!
Es war absurd!“

Wir schlürfen eine sanfte helle Röstung aus Guatemala, als Joachims Geschichte eine unerwartete Wendung nimmt: Nachdem er vier Jahre ohne Pause gearbeitet hatte, änderte ein Arztbesuch plötzlich alles, als der Arzt ihm mitteilte, dass er eine Herzoperation benötigte! Als alleiniger Inhaber konnte er es sich schlichtweg nicht leisten, eine Vollzeit-Vertretung einzustellen – und so musste er „Mogen & Grus“ von einem Tag auf den Nächsten schließen.
Und nachdem er sich von der Operation erholt hatte, wollte er nicht mehr zurück in ein Leben mit „übriggebliebenen Sandwiches häufiger als gewollt zum Abendessen“. Anstatt nach einem neuen Laden zu suchen, begann er also Vollzeit in der Rösterei zu arbeiten.

Ein regelmäßiges Einkommen, feste Arbeitszeiten, kaum noch schlaflose Nächte… ein guter Wandel für eine Weile. Durch das tägliche Rösten lernte er zudem auch die verschiedenen Stile, von hell geröstetem Natural bis zu Robusta-Mischungen für Italienischen Espresso.

„Du musst nicht alles gleichermaßen lieben, doch es ist gut alles zu kennen.“

Viele Lektionen später und mit einem neu erworbenen „Diedrich 2.5“ Röster zog er 2017 mit seiner Freundin nach Säter. Zu Beginn röstete er noch in seiner Garage, ausschließlich Spitzenkaffees für seine Kunden in Berlin und weltweit. Bis ihm eines Tages klar wurde, dass sich im Laufe der Jahre geändert hatte, was er eigentlich wollte. Und so fragte er sich, welche Rolle er dabei spielen könnte, das Kaffeeniveau in dieser Region voranzutreiben.
Seither ist es zu seiner Mission geworden, den Menschen in seiner Community, die bisher nur sehr dunkel gerösteten – oder manchmal schlicht verbrannten – Kaffee gewöhnt waren, einfach besseren Kaffee zu zeigen! Nicht, indem er ihnen sagt, dass sie es falsch machten, sondern indem er ihnen mithilfe seiner Fachkenntnis eine bessere Version des Kaffees anbietet, den sie gewöhnt sind.

„Das ist meine Idee davon ein super lokaler Röster zu sein: Nicht etwa, die Leute davon überzeugen zu wollen, dass man hell gerösteten Kaffee trinken muss, sondern viel eher ihnen zu beweisen, dass Kaffee besser schmecken kann, als der, den sie gerade trinken!“

Im Frühjahr 2019 erhielt Joachim schließlich die Möglichkeit diesen wunderbaren Ort zu mieten, die alte Schreinerei von Säter, auf schwedisch: „Gamla Snickeriet“.

Und es ist zwischen diesen alten Holzwänden, wo er nun seine eigene Variante einer dunklen Röstung, sowie eine mittlere und eine helle Röstung (benannt nach seinem Sommerhaus „Lerviken“) produziert. Er verwendet ausschließlich zertifizierte organische Kaffeebohnen und inzwischen beinahe gar keine „super besonderen oder verrückten“ Kaffees mehr, sondern stattdessen solche, die die lokale Community zufrieden stellen.

Hin und wieder öffnet er die Türen der alten Tischlerei und zeigt den interessierten Nachbarn, wie roher Kaffee eigentlich aussieht und wie der Röstprozess funktioniert.

„Einige Leute denken noch immer, dass ich gerösteten Kaffee in Italien kaufe, ihn hier nur noch mahle, in meine Tüten abfülle und so verkaufe! Und da frage ich nicht „Hast du schon mal eine helle Röstung aus El Salvador probiert? Die schmeckt nach Melone und Papaya!“ – Sie würden denken ich hätte Papaya in meinen Kaffee gemischt! Das ist übrigens auch der Grund, weshalb ich keine Geschmacksbeschreibung auf meine Verpackungen drucke…
…also ja, es ist ein super langsamer Prozess, den man aber irgendwo beginnen muss. Und deshalb verzichte ich inzwischen beinahe völlig auf helle Röstungen, zumindest für den Moment. Vielmehr versuche ich, die Leute an ihrem Ende der Bandbreite zu treffen. Total „unnerdy“, indem ich ihnen einfach das Verfahren erkläre.

9 von 10 Cafés, die seine Kaffees servieren, bieten die dunkle Röstung an. Wenn Menschen in ihr liebstes Café gehen, ihr liebstes Gebäck essen und dazu seinen Kaffee trinken, und wenn sie dann sagen „Das ist wirklich gut!“ und das Gefühl haben, dass sich ihr gesamtes Erlebnis gerade nochmal verbessert hat: Darauf legt Joachim inzwischen besonderen Wert.

Davon abgesehen hat er ein weiteres besonderes Kriterium für seine Kaffees: Er möchte morgens drei Tassen davon trinken. Sie sollen nicht zu intensiv sein, so dass er nach einer Tasse schon genug hat, und nicht zu säurelastig, so dass es ihm auf den Magen schlägt. Einfach ein frischer und klarer Kaffee mit einer angenehmen Süße für einen alltäglichen Morgen.

Und vielleicht wird sein „Jeder Morgen-Kaffee“ ein Sonntagmorgen-Genuss für ein paar der Leute, die momentan noch „Skånerost“ Kaffee* auf der Heizplatte gewohnt sind. Und natürlich kann er all sein Wissen in Bezug auf Mahlgrade und Wasserqualität und all die kleinen Dinge, die bei Kaffee den finalen Unterschied machen, mit denjenigen teilen, die der „Spezialitäten-Strasse“ doch ein Stück weiter folgen wollen.

Ein halbes Leben voller Kaffeewissen liegt hinter ihm, was ist also noch zu erwarten von diesem leidenschaftlichen Schweden?

„Nichts, das du tust, muss für immer dauern, wisst Ihr? Du kannst alles für eine Weile tun und wenn Du genug hast, machst Du einfach etwas anderes!“

Doch bis es soweit ist, findest Du Joachim und seine „Gamla Snickeriet“ hier: https://gamlasnickeriet.se

*Skånerost ist eine sehr dunkle Kaffeeröstung mit einer langen Tradition in Schweden. Sie ist so beliebt, dass Nescafé sogar Kapseln mit dieser Geschmacksnote anbietet.

Photography

Constantin Gerlach, Laura Droße

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Laura Droße

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Gamla Snickeriet EN

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2021

GAMLA SNICKERIET

Where the passion for good Coffee brought new Life
into an old Joinery

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Waking up a little shivery, I check my phone: 3° Celsius, 6:54, October 10th. A quick glance outside the window, fog between tall pine trees, a silent army somewhere in the middle of Sweden.

Still snuggled into our sleeping bags, we put the water kettle on and prepare some warm and sweet porridge to wake up body and mind. A roughly three hour drive awaits us, before we’ll meet Joachim Segerstedt in the small town of Säter, 200km northeast of Stockholm.

A few minutes after 11 we reach a classic red wooden house with a green door and before we even stop, a longhaired guy comes walking towards us, smiling and waving – what a warm welcome. And what a perfect timing for a second coffee!

After living in Stockholm and working as a barista for many years, Joachim re-invented „Gamla Snickeriet“ in this village of 4.700 people, when his girlfriend got pregnant and they were looking for a nice and more chilled place to live and raise their kids. Joachims parents used to have a summer house here and he still remembers many of those seemingly endless childhood summers, that he had spent in this area.

Moving here was a change of pace, but also a change of priorities and maybe even a change of mindset – especially when it comes to the definition of what good coffee should really be all about.

After almost three weeks in Sweden, we have realised that there isn’t really a specialty coffee culture throughout the country. Maybe in Stockholm and Gothenburg, but not in the countryside. Where „European Coffee Trip“ lists 60 cafés for Berlin alone, it finds 26 for the whole of Sweden…

While brewing one of his own roasts for us, Joachim starts to tell his personal coffee tale, a story about providing joy and pleasure in the day-to-day life of a community.

Ten years ago Joachim visited friends in Berlin, when Kreuzberg was still more punkrock and specialty coffee hadn’t (fully) arrived yet. On just another Sunday he stumbled into „Bonanza“, which was a small roastery with no seating back then, and ordered a cappuccino – and that changed everything:

„I never had a coffee like that before. I thought „Well, okay, this is like… next level!“. I mean, coffee in Stockholm was very shitty, but coffee in Berlin was even shittier! It was like: Now I got my calling, this is it! Now I know what I wanna do! And I thought „I should open a shop like this in Stockholm!““

And so he did. At „Mogen & Grus“ he served the best cappuccino Stockholm had ever seen, brewed with beans from Bonanza Coffee Roasters.

It was a very small space, 20sqm on a backstreet in Södermalm and he focused completely on the coffee: „A couple croissants maybe, otherwise it was stricktly coffee. Super bad business idea…“ he remembers laughing.

Even back then this district, nowadays well known as „Hipster-Island of Stockholm“, was pretty expensive and earning 1000€ rent only with a couple cappuccini a financial trick, Joachim couldn’t quite get behind. He worked crazy hours, soon added light lunch options – and the people loved it! „Mogen & Grus“ became well known for its chilled vibe and the feeling that „one couldn’t tell who was working there or just hanging out“ as a customer described it.

One day Joachim was invited by one of his regular customers, to his coffee roastery outside Stockholm. And that became another day with profound consequences!

„I started going there and roasting coffee by night, serving cappuccini by day. I wanted to learn more about the whole process and it was very satisfying. Finding green coffee, roast it the way you want and then have it in your own shop. Back then I wanted to make people discover what coffee can be. At some point we had like two Espresso and 8 Filter options! It was ridiculous!“

While we sip a smooth light roast from Guatemala, Joachims story takes an unexpected turn: After 4 years working non-stop in his shop, a doctors visit ended it all in a whim, when Joachim was told, that he needed heart surgery! As the sole owner of a „matter of passion“ shop, he simply couldn’t afford to employ a full time deputy – and so he had to close „Mogen & Grus“ from one day to the next.
Once he had recovered from surgery, he didn’t want to return to „leftover-sandwiches for dinner“ again. So instead of searching for another place to rent, he started to work full-time at the roastery instead.

Steady income, fixed hours, less sleepless nights… a good change for a while. And roasting every day now, he also learned different styles, from light roasted Natural to Robusta blends for Italian Espresso.

„You don’t have to love everything, but it’s good to know everything“

With many lessons learned and a Diedrich 2.5 roaster bought, he moved to Säter with his girlfriend in 2017. At the beginning he was roasting in his garage, strictly high-end coffees and super light roasts for his clients in Berlin and internationally. Until one day he realised, that what he actually wanted had changed over the years. And he asked himself what his role could be in stepping up the coffee game of this region. Since then his mission became, to simply show people, who were used to super dark – or sometimes burned – coffee, better coffee! Not by telling them they were doing it wrong, but by using his knowledge to roast a better version of the coffee they like.

„That’s my idea of being a super local roaster and not trying to convince people, that you have to drink light roast coffee. But rather like: „Coffee can be better than what you are drinking now!““

Finally in spring 2019 Joachim got the opportunity to rent this lovely space, the old joinery of Säter, in Swedish: „Gamla Snickeriet“.

And it is in these old wooden walls, where he is now roasting his version of a dark roast, a medium roast and a lighter roast (named after his summer house: „Lerviken“). He only roasts certified organic coffees and he isn’t using super special or „weird“ coffees anymore, but those, with which he can please the local community.

And every now and then he is doing open days at the roastery, to show the local people how raw green coffee beans actually look like and how the roasting process works.

„Some people still think, that I buy roasted coffee from Italy and then grind it here, put it in my bags and sell it! And at that level you don’t go „Have you tried a light brew from El Salvador? It tastes like melon and papaya!“ – People would think I had put a papaya in it! That’s also the reason why I don’t have taste descriptions on my coffee.
So yes, it is a super long process, that you have to start somewhere and that’s why I almost excluded light roasted coffee for now. I try to meet them at their end of the scale. So not nerdy at all, I just show people the process.“

9 out of 10 cafés, that use his coffees, are serving the dark roast. People going to their favorite café, having their favorite baked treat, accompanied by a cup of his coffee, who then say „This is really nice!“ and feel that their overall experience went one step up: That’s his aim today.

Apart from that Joachim has one criteria for the coffees he is roasting: He wants to enjoy three cups of it in the morning himself. Nothing too intense, where more than one cup would just be too much; nothing super acidic, that gets the stomach into trouble. Something clean and crisp with a lovely sweetness for a nice everyday morning.

And maybe his everyday morning coffee becomes a Sunday morning treat coffee for some people, who are still used to „Skånerost“ coffee* on a heated plate. And of course he can provide all the high-end secrets in terms of grinder and water quality and all the bits and pieces, in case someone wants to follow the „specialty road“ a bit further.

With half a lifetime of coffee knowledge in the books, who knows what lies ahead for this passionate Swede?

„Nothing you do has to last forever, you know? You can actually do it for a while and if you don’t like it, you can do something else!“

Until then, find Joachim and his „Gamla Snickeriet“ here: https://gamlasnickeriet.se

*Skånerost is a super dark roasted coffee with a long tradition in Sweden. And it is so popular, that even Nescafé offers capsules with that taste.

Photography

Constantin Gerlach, Laura Droße

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Laura Droße

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Swedish Lapland in Autumn

2021

Swedish Lapland
in Autumn

Our Roadtrip to the North of Sweden

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Late summer in Berlin, a warm August in a year, which will go down in history. For the first time we are planning a trip without the certainty that we will actually be able to do it. Long weeks of waiting and the hope for open boarders. Finally, 4 days before our planned departure, the confirmation: At last we will be on our way North again.

The plan: Hamburg – Copenhagen – Stockholm – Lapland – Rovaniemi – Karelia – Helsinki + Turku – Åland – Bohuslän – North Jutland – Hamburg in 28 days.

The reality: On September 25th, day 5 on the road, Finland is closing its boarders. We are half way on our route to Lapland, latitude 62 and we decide: This is the North, from now on we will take it slower.

We pass the first four days in review, as 1.400km already lie behind us: After a quick stop at Coffee Collective in Copenhagen crossing the Öresund Bridge into Sweden. Our first campfire and the first swans, which – how we are about to discover – apparently go with each lake in Sweden. In Gävle we are visiting Swedens first Whisky distillery, Mackmyra, and spend the night in our first new favorite village of the trip, in Skärså. A robin greets us in the autumnal morning fog and in the evening the moon travels with us over empty roads. We pick blueberries for our breakfast, drink coffee in small bays and follow red wooden crosses on our first short hikes. Rotting Volvos greet us from abandoned properties and „Attention! Bear!“ from the street signs.

When we find out about the closure of the boarder, we are standing on a parking lot in Norrfjällsviken in the pouring rain, debating wether or not to take a walk through the nature reserve anyway. So as it becomes a fact, that we officially don’t have to go anywhere in particular now and have therefor all the time in the world, it is clear: We wanted the North, we wanted the weather! Rain trousers, improvised camera protection and let the wet games begin!

2 hours, countless stones covered in red lichen and horizontally pelting raindrops later, we are richer only about 5 good images, but one important realization: Everything is soaked.
Cameras, jackets, trousers – but also my feet inside my shoes and Constantin pretty much all over, despite his rain jacket.

The world heritage site „Höga Kusten“ („The high coast“) will be remembered for newly bought hiking boots and jackets above all else. Maybe we should return one day. Without the rain.

At the lighthouse „Korgubben“ we say goodbye to the Swedish Eastcoast. From now on the route will lead us into the emptiness, wilderness and loneliness: The Vildmarksvägen is calling, as is the Stekenjokk Pass – the door to Swedish Lapland.
We don’t have a clue what to expect, but our heads are filled with dreams.

It’s places like these, in which traveling with a campervan is playing its trump card. Thanks to “freedom to roam” and sparse population, we make camp wherever we want. Each morning we awake at a different lake, each day we count the hours in coffee stops in forests, at beaches, on the fjäll or at a waterfall. And each evening we just stop, when we feel tired from weather, landscapes and experiences.

Foggy forests and autumn gold accompany us at the boarder between the provinces of North Jämtland and Västerbotten. Dorotea (South Sámi: Döörte) with roughly 1.500 inhabitants does count as a bigger village, but even here we already feel like being at a last outpost before the wild. The cars are getting more massive, the people more rough, the winds more cold.

At Håfarkot we are hiking through a dense elm forest all the way up the Kolberget, but instead with far views across lakes and woods, we get rewarded with mystical mist between the heads of fir trees.

Generally fog and clouds seem to have taken over from the rain and are our alternating companions from now on.

Two nights we stay at the campground in Gäddede, washing our clothes, making back ups of our images, restock on food and stroll unhurried through the village. Its barely 4km to the Norwegian boarder and apart from us, there are only one other couple with their dinghy and a curious goose living on the campground. We are chopping wood in the evening light, eat Köttbullar and Potatis from our firebox  and ask ourselves how it might be to wake by the water from now on and forever…

The morning light wakes us gently, we get up each day between 6:30 – 8:00 without setting an alarm. Before we strike out to the pass, two particularities are waiting for us here: We meet with Tommy in possibly the smallest microbrewery of all times, which he set up in the cellar of his grandfathers home, after moving there 23 years ago. And as the biggest possible contrast, we visit the biggest canyon in Sweden with the 43m high waterfall Hallingsåfallet – the question remains open which of the two was more impressive.

We follow a gravel road from Stora Blåsjön to Ankarede, a centuries old gathering place of the Sámi. The gold of the birches, roaring in the wind, is mirrored in the cross at the rooftop of the pearly white church – dragon heads at the corners observe quietly. By the riverside stand around 30 Samí tipis (Sámi: Goahti) with handles made from reindeer antlers.

We are nearing the fjell and the tree line. Stekenjokk is one of the coldest places in Sweden. Only a few more weeks from now and winter winds will sweep over the plane and the snow will pile up meters high.

But today we feel as if we we’re driving through a limbo, our daily life seems farther away than ever before. In a fresh green, a juicy golden yellow up to a deep crimson, carpets from mosses and grass cover the ground. Fast fleeing clouds are carrying a wind, that fills my mind with its whispers.

Before the distant mountain slopes, a reindeer herd is grazing in the hilly range, the leading animals clearly visible. These lands belong to them and their herders.

My camera is hanging unnoticed at my side, time and location are losing their meaning. I know that Constantin will provide the images; I’m standing still, marvel at the scene and collect my words. This moment is going to be one of the few, that will take root in our mind as the essence of this place. Its feelings will forever stay present; its weight, temperature and melody we will retrieve whenever we think of Sweden. And as we step back into the car, we smile at each other, happy, grateful, without words.

Quiet and emptiness accompany us on the following days. We’re visiting another Sámi village, Fatmomakke, at least 250 years old. Over a narrow bridge we reach a peninsula, wooden tents and storehouses are spread over a larger area, lie hidden behind trees and hills. At the central fairground a „Maystang“ is standing lonely and abandoned, white lace curtains hide what lies behind the windows. Wooden planks, broken or being bogged down, the church locked. I can sense the ancestors here, feel happiness and sorrow alike, as no one is here to share their stories.

Driving on dusty potholed tracks with wooden power poles at their sides, we feel reminded of Canada or Alaska. We didn’t expect such loneliness, underestimated the vastness, the trees rolling by endlessly. We are sleeping at yet another mirror lake, wash ourselves at dawn in its icy water.

Arvidsjaur, firmly in the hands of tourists and car enthusiasts for most of the year – new models are tested here in wintertime and “Erlkings” can be spotted – feels deserted as well and we only stop briefly to buy cloudberry jam and blueberry tea in a little store by the road.

As rarely as we come across other people, as often we encounter vintage cars in the ditch, on scruffy courtyards and at random crossroads. And while we’re debating the incidence of Volvos, we’re crossing the Northern polar circle almost unnoticed. We reached Norrbottens Iän, the northernmost province of Sweden, carrying two reindeers on its coat of arms. Almost a quarter of Swedens land area, but not even 3% of its population live here.

With the last light of the day we reach Jokkmokk (Jåhkåmåhkke or Dálvvadis in Sámi), Swedens center of Sámi culture, and end at „Skabram“ campground completely by chance. We meet Bruno + Fran, two Chileans, who are managing the campground for almost a year now and who – as it turns out – also lived as Sous-chefs in Berlin a couple years ago. In the middle of the most solitary region, we suddenly find company and somewhat of a temporary home.

Our van will find a regular spot here, from which we’ll start our day trips. We’ll spend the evenings together with Bruno and Fran by a campfire, roasting reindeer steak from the local Sámi butcher „Sápmi Ren + Vilt“ and sharing stories of travels and foreign countries, of home and the meaning of existence. And in the morning the two of them are pleased about our brought along coffee, as „specialty coffee“ is not to be found anywhere up here.

We had a lot planned for the high North. But continous rain and low visibility prevent helicopter flights across the stunning landscapes and even longer hiking trips wouldn’t be possible without real danger for beginners like us. At the first of many rainy days we decide to take it slow and just start with a short hike on the Hollandleden, bordering the campground. Wilder than expected, as we find a chunk of surprisingly large bones at the top of the highest hill. We assume that this is kinda normal here, but the surprised faces of Bruno and Fran teach us differently as we return.

They too are not really sure what we’ve actually found in the woods. Slowly I begin to understand why so many crime novels tell stories located in the North…

Still dozy we get wet feet in the morning, as a small puddle has formed around our van; it is still raining. We’re driving to Kvikkjokk fjell station, hike quite a while towards Kungsleden and have to notice that Sarek National Park, which was a very high priority on our list, not only exceeds our ideas of size and seclusion, but also of accessibility for newbies like us, by far.
This time it will only be a first impression – we conduct ourselves in humility; we won’t grant disappointment, being beyond lucky to be on such a travel in this challenging year.

Near Granudden a fortunate coincidence: On a promontory just by the road a reindeer herd.

And what a spectacle! A young wild male is trying to snatch at least one of the females from the obvious leader of the group. He gathers the courage, then approaches the majestic lead animal proudly and confidently, who seems rather unimpressed. But as soon as the youngster moves too close, the chief defends his harem and the lonesome contender runs off into the distance again, long before a serious fight would start. The females remain lying at the shoreline or nibble at some bushes.

Admittedly slighly amused we begin our way home, where a real feast is waiting for us at our friends’. Tired, satisfied and replete we fall into a dreamless sleep.

In an early morning chill we decide spontaneously to visit the last town before the Norwegian boarder. A distance of 390km, Abisko lies on the same level as the Lofoten Islands. Birches and fir trees become shorter and slowly the fog is descending. Kiruna drowns in a thick Grey, that swallows each ounce of daylight; the huge iron ore mine can only be guessed. The temperatures fall noticeably, Abisko emerges as little more than a basecamp and as we drive the very last meters until the Norwegian boarder, even this place seems deserted.
The outer emptiness suddenly becomes an inner state as well. A filled void though, being without a task or even another destination left. In this very moment we are simply here, at Swedens northern end, farther north than we’ve ever been.

Slowly but steadily autumn is saying its goodbyes: With a felt temperature of 2° and fast flying storm clouds above our heads, we start well wrapped to our hike destination of today; Rissajaure, Swedens clearest lake. Ahead of us roughly 900 meters of altitude and the Kärkevagge valley (Sámi: Gergevággi), filled with eschatological boulders; the steep cliffs of Vassitjåkko and Kärketjårro frame the scene, with snow from last winter still on their peaks. Delicate waterfalls flowing down the jagged rocks like silky strings, being dispelled by the winds. Narrow footpaths end at gigantic crags; we climb, tramp and goggle. The shapes and shades are constantly changing, sometime colourful shambles lye at our feet, appearing like broken porcelain; sometime the dark rock is layering vertically in big blocks. Some 9.000 years ago the icesheet of the last glacial period melted here; since then this valley remained almost untouched and even hikers rarely find their way here.

Hidden in a natural windshield of almost black rocks, we discover a small research hut of Swedish geologists. The wind gauge is spinning into dizziness. Behind each ridge another valley appears.
We’re not paying attention to the passing of time, but immerse ourselves fully into this experience of nature, follow the narrow trails with curiosity of children. Until it suddenly appears right in front of us:
The end of the Kärkevagge valley, a vertical cliff; a rivulet falls into the deep blue and mirrorlike Trollsjön, the lake we were looking for, lying before us in the valley basin.

It is going to become a symbol for the end of our travel. Our driving direction is going to change, the inner empty space is giving way for a potpourri of all the emotions there are. With one eye joyful, the other tearful – from the frosty winds – we reach the car. A small snack, cinnamon buns and coffee. Shortly after Abisko the rain returns. Lake Torneträsk waves us goodbye with a cheesy rainbow, but only a few moments later everything is dipped into fog again. As we reach Kiruna, we now have to envision not only the mine, but the whole city; with walking speed we’re navigating through the night.

Back in Skabram our last hours in Lapland break. It is here, where it is to begin the next morning: Our long way South, our way back home.

Photography

Constantin Gerlach, Laura Droße

text

Laura Droße

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Swedisch Lappland im Herbst

2021

Schwedisch Lappland
im Herbst

Mit dem Camper nach Nordschweden

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Es ist Spätsommer in Berlin; ein warmer August in einem Jahr, welches in die Geschichtsbücher eingehen wird. Zum ersten Mal planen wir eine Reise ohne die Gewissheit, dass wir sie auch antreten können. Wochenlanges Warten und die Hoffnung auf offene Grenzen. Und dann, 4 Tage vor geplanter Abfahrt, die Bestätigung: Es geht endlich wieder gen Norden!

Der Plan: Hamburg – Kopenhagen – Stockholm – Lappland – Rovaniemi – Karelien – Helsinki + Turku – Åland – Bohuslän – Nordjütland – Hamburg in 28 Tagen.

Die Realität: Am 25. September, Tag 5 on the road, schließt Finnland seine Grenzen. Wir sind auf halber Strecke in Richtung Lappland, Breitengrad 62 und beschließen: Wir sind im Norden, ab jetzt langsamer.

Wir lassen die ersten vier Tage Revue passieren, denn knapp 1.400km liegen tatsächlich bereits hinter uns:
Nach kurzem Zwischenstopp bei Coffee Collective in Kopenhagen über die Öresundbrücke nach Schweden. Unser erstes Lagerfeuer und die ersten Schwäne, die – wie wir später lernen, anscheinend zu jedem schwedischen See dazugehören. In Gävle besuchen wir die erste Whiskydistille Schwedens, Mackmyra, und übernachten an unserem ersten neuen Lieblingsort, in Skärså. Morgens begrüßt uns dort ein Rotkehlchen im herbstlichen Nebel und abends begleitet uns der Mond über den leeren Straßen. Wir sammeln Blaubeeren für unser Frühstück, trinken Kaffee in kleinen Buchten und folgen den roten Holzkreuzen auf ersten kurzen Wanderungen. Verrottende Volvos grüßen von verlassenen Grundstücken und „Achtung! Björn!“ vom Straßenschild.

Als wir von der Grenzschließung erfahren, stehen wir gerade im strömenden Regen auf dem Parkplatz in Norrfjällsviken und debattieren, ob wir dennoch eine Runde durchs Naturreservat stromern wollen. Als also feststeht, dass wir im Grunde nirgendwo mehr hin „müssen“ und von nun an alle Zeit der Welt haben, ist es klar: Wir wollten Norden, wir wollten Wetter. Regenhose, improvisierter Kameraschutz und rein ins Vergnügen!

2 Stunden, unzählige beflechtete rote Steine und waagerecht prasselnde Regentropfen später, sind wir gefühlt nur etwa 5 gute Fotos, dafür aber eine unbezahlbare Erkenntnis reicher: Alles ist nass. Kameras, Jacken, Hosen – aber leider auch meine Füße in den Schuhen und Constantin im Grunde komplett, trotz Regenjacke.

Das Weltnaturerbe Höga Kusten wird uns also vor allem aufgrund neu gekaufter Wanderschuhe und Jacken in Erinnerung bleiben. Vielleicht sollten wir eines Tages wiederkommen. Ohne den Regen.

Am Leuchtturm von Korgubben verabschieden wir uns von der Schwedischen Ostküste. Ab hier geht es Richtung Leere, Wildnis und Einsamkeit. Der Vildmarksvägen ruft und der Stekenjokk Pass – das Tor zu Schwedisch Lappland. Wir haben keine Ahnung was uns erwartet, aber den Kopf voller Träume.

Es sind Orte wie diese, an denen das Reisen im Bulli alle Trümpfe ausspielt. Dank Jedermannsrecht und spärlicher Besiedlung schlagen wir unser Nachtlager auf, wo immer wir wollen. Jeden Morgen erwachen wir an einem anderen See, jeden Tag zählen wir die Stunden in Kaffeepausen in Wäldern, an Stränden, auf Hochebenen und an Wasserfällen. Und jeden Abend halten wir einfach an, wenn wir müde sind von Wetter und Landschaft und Erlebtem.

Nebelwälder und Herbstgold begleiten uns an der Grenze zwischen Nordjämtland und Västerbotten. Dorotea (südsamisch: Döörte) mit knapp 1.500 Einwohnern zählt zwar als größere Ortschaft, doch selbst hier fühlen wir uns schon wie an einem letzten Außenposten vor der Wildnis. Die Autos werden massiver, die Menschen rauer, der Wind kühler.

Bei Håfarkot wandern wir durch dichten Ulmenwald auf den Kolberget und werden statt mit weiter Aussicht auf Seen und Wälder mit mystischem Nebel zwischen Tannenspitzen belohnt. Überhaupt scheinen Nebel und Wolken den Regen abgelöst zu haben und begleiten uns von nun an abwechselnd.

Für zwei Nächte schlagen wir unser Lager auf dem Campingplatz in Gäddede auf, waschen Kleidung, sichern Fotos, füllen die Vorräte auf und spazieren gemütlich durch das Dorf. Wir befinden uns knappe 4km vor der norwegischen Grenze und außer uns bevölkern nur ein weiteres Päärchen mit Schlauchboot und eine neugierige Gans den Platz. Im Abendlicht hacken wir Holz, essen Köttbullar und Potatis von der Feuerbox und fragen uns, wie es wohl wäre, von nun an immer am Wasser aufzuwachen…

Das Morgenlicht weckt uns sanft, wir stehen auch ohne Wecker zwischen 6:30 und 8:00 auf. Bevor wir uns zur Passstraße aufmachen, warten noch zwei Besonderheiten auf uns: Wir treffen Tommy in der wohl kleinsten Mikrobrauerei aller Zeiten, die er, nachdem er vor 23 Jahren in das Haus seines Großvaters gezogen ist, dort im Keller eingerichtet hat. Und besichtigen als perfekten Kontrast Schwedens größten Canyon mit dem 43 Meter hohen Wasserfall Hallingsåfallet – es bleibt abschließend ungeklärt was von beidem beeindruckender war.

Am Stora Blåsjön biegen wir auf eine Schotterpiste und folgen ihr bis nach Ankarede, einem Jahrhunderte alten Versammlungsplatz der Sámi. Das Gold der im Wind rauschenden Birken spiegelt sich im Kreuz auf der strahlendweißen Kirche – Drachenköpfe an ihren Ecken beobachten schweigend. Am Flußufer rund 30 samische Holz Tipis (auf Sámi: Goathi) mit aus Rentiergeweihen gefertigten Türgriffen.

Wir nähern uns dem Fjäll und der Baumgrenze. Der Stekenjokk ist einer der kältesten Orte des Landes. In wenigen Wochen werden Winterwinde über die Ebene fegen, wird der Schnee sich meterhoch türmen. Doch heute fühlen wir uns, als würden wir durch eine Zwischenwelt fahren; unser Alltag scheint ferner als je zuvor. In frischem Grün und saftigem Gelb bis hin zu tiefem Blutrot ziehen sich Teppiche aus Moosen und Gras über die Ebene. Schnell fliehende Wolken tragen einen Wind mit sich, der mit seinem Flüstern meinen Geist anfüllt. Vor den fernen Berghängen grast eine Rentierherde in der hügeligen Weite, die Leittiere sind eindeutig zu erkennen. Dieses Land ist ihres und das ihrer Hüter.

Meine Kamera hängt unbeachtet an meiner Seite, Zeit und Verortung verlieren ihre Bedeutung. Ich weiß, dass Constantin die Bilder mitbringt; ich stehe still, staune und sammle meine Worte. Dieser zeitlose Moment wird einer derer sein, die sich als Essenz des Ortes in uns festsetzen. Dessen Gefühle für immer Gegenwart bleiben; dessen Gewicht, Temperatur und Melodie wir hervorholen werden, wann immer wir an Schweden denken.
Und als wir ins Auto steigen, lächeln wir uns an, glücklich, dankbar, ohne Worte.

Ruhe und Leere begleiten uns auch die kommenden Tage. Mit Fatmomakke besuchen wir ein weiteres Sámi-Dorf, mindestens 250 Jahre ist es alt. Über eine schmale Brücke gelangen wir auf eine Art Halbinsel, die Zelte und Vorratshäuser verteilen sich über eine größere Fläche, liegen zwischen Bäumen und hinter Hügeln versteckt. Am zentralen Festplatz steht die „Maystang“ einsam und verlassen, weiße Spitzengardinen verbergen, was hinter den Fenstern liegt. Holzplanken sind teilweise gebrochen oder versinken im Moorast, die Kirche ist verschlossen. Auch hier spüre ich die Ahnen, fühle Glück und Trauer gleichermaßen, denn niemand ist hier, der ihre Geschichten mit uns teilen kann.

Auf den staubigen Schlaglochpisten mit hölzernen Strommasten am Wegesrand fühlen wir uns an Kanada oder Alaska erinnert. Mit so viel Einsamkeit hatten wir hier nicht gerechnet, die Weite unterschätzt, die endlos vorbeiziehenden Wälder.

Wir schlafen an einem weiteren spiegelklaren See, waschen uns in der Morgendämmerung in seinem eisigen Wasser. Auch Arvidsjaur, den Großteil des Jahres in fester Hand von Touristen und Autoliebhabern – denn hier werden im Winter neue Modelle getestet, können die Erlkönige gesichtet werden – liegt verlassen und wir halten nur kurz, um Moltebeeren-Marmelade und Blaubeertee in einem kleinen Laden zu kaufen.
So selten wir hier Menschen begegnen, so häufig „treffen“ wir Oldtimer in Straßengräben, auf verlotterten Höfen und an Kreuzungen. Und während wir noch über die Volvo-Dichte diskutieren, überqueren wir beinahe unbemerkt den nördlichen Polarkreis. Wir sind in Norrbottens Iän angekommen, der nördlichsten Provinz Schwedens, die zwei Rentiere auf ihrem Wappen trägt. Auf fast einem Viertel der Landesfläche leben dabei nicht einmal 3% der Bevölkerung.

Im letzten Abendlicht erreichen wir Jokkmokk (auf samisch Jåhkåmåhkke oder Dálvvadis), Schwedens Zentrum der Samenkultur und landen mehr zufällig auf dem Campingplatz „Skabram“. Dort begegnen wir Bruno + Fran, zwei Chilenen, die seit knapp einem Jahr den Campingplatz verwalten und – wie sich später herausstellt – vor ein paar Jahren als Sous-Chefs auch in Berlin gelebt haben. Mitten im einsamsten Landstrich Schwedens finden wir plötzlich Gesellschaft und so etwas wie ein neues Zuhause auf Zeit.

Unser Bulli wird hier seinen Stammplatz finden, von dem aus wir zu Tagestouren aufbrechen. Die Abende verbringen wir mit Bruno & Fran am Lagerfeuer, braten Rentierfleisch von der lokalen Sámi -Schlachterei „Sápmi Ren + Vilt“ und teilen Geschichten von Reisen und fernen Ländern, von Heimat und vom Sinn der Existenz. Und morgens freuen sich die beiden über unseren mitgebrachten Kaffee, denn „Specialty Coffee“ gibt es hier oben einfach nicht.

Wir hatten viel vor im hohen Norden. Doch Dauerregen und schlechte Sicht verhindern Helikopterflüge über die atemberaubenden Landschaften und selbst jede längere Wanderung wäre für uns Anfänger kaum gefahrlos zu bewältigen. Am ersten Regentag beschließen wir also es ruhig anzugehen und wandern lediglich eine kleine Runde auf dem direkt angrenzenden Hollandleden. Wilder als erwartet finden wir einen Haufen erstaunlich großer Knochen auf dem höchsten Berghügel und gehen davon aus, dass so etwas hier normal ist. Die erstaunten Gesichter von Bruno und Fran belehren uns eines Besseren. Auch sie sind unsicher, was wir da eigentlich gefunden haben. Langsam verstehe ich warum so viele Krimis im hohen Norden spielen…

Noch im Halbschlaf gibt es morgens erstmal nasse Füße; denn ein kleiner See hat sich um den Bulli gebildet und es regnet noch immer. Wir fahren zur Kvikkjokk Fjällstation, wandern ein ganzes Stück Richtung Kungsleden und müssen feststellen, dass der Sarek Nationalpark, den wir so gerne sehen wollten, nicht nur unsere Vorstellungen von Größe und Abgeschiedenheit, sondern auch in Sachen Erreichbarkeit für zwei blutige Anfänger wie uns, unermesslich weit übersteigt. Diesmal reicht es nur für einen ersten Eindruck – wir üben uns in Demut; Enttäuschung gestehen wir uns in diesem Jahr und bei unserem Glück dieser Reise nicht zu.

Bei Granudden dann eine unerwartete Fügung: Auf einer Landzunge direkt neben der Straße eine Gruppe Rentiere. Und was für ein Schauspiel!

Ein Junger Wilder versucht wenigstens eines der Weibchen vom offensichtlichen Chef der Herde „abzugreifen“. Er sammelt Mut, nähert sich stolz und siegessicher immer wieder dem majestätischen Anführer, der bis zu einer unmarkierten Linie eher müde als beeindruckt wirkt. Doch sobald der Jüngere einen Schritt zu nahe kommt, verteidigt er sein Harem und der einsame Herausforderer sucht panisch das Weite, lange bevor es zu einem ernsthaften Kampf käme. Die Weibchen bleiben entspannt am Seeufer liegen oder knabbern an ein paar Sträuchern.

Zugegeben ein wenig amüsiert machen wir uns auf den Heimweg, wo uns bei unseren neuen Freunden ein wahres Festmahl erwartet. Müde, zufrieden und gesättigt fallen wir in einen traumlosen Schlaf.

In der Kühle des folgenden Morgens beschließen wir spontan die letzte Stadt vor Norwegen zu besuchen. 390km Strecke, Abisko liegt auf gleicher Höhe wie die Lofoten. Birken und Tannen werden kleiner und langsam senkt sich Nebel herab. Kiruna versinkt in dichtem Grau, das sämtliches Tageslicht verschluckt; und die riesige Eisenerz-Mine ist nur zu erahnen. Die Temperaturen fallen merklich, Abisko entpuppt sich mehr als Basecamp, denn als Stadt und als wir noch kurz die letzten Meter bis zur norwegischen Grenze fahren, liegt auch diese verlassen. Die äußere Leere wird plötzlich auch zu einem inneren Zustand. Eine erfüllte Leere jedoch, ganz ohne Aufgabe und nun sogar ohne ein weiteres Ziel auf der Karte. In diesem Moment sind wir einfach hier, an Schwedens Nordende, nördlicher als je zuvor.

Langsam verabschiedet sich der Herbst: Bei gefühlten 2° und unter schnell ziehenden Sturmwolken starten wir dick eingepackt Richtung Rissajaure, dem klarsten See Schwedens. Vor uns liegen gut 900 Höhenmeter und das Kärkevagge Tal (samisch: Gergevággi) voller endzeitlicher Felsbrocken. Die Szenerie eingerahmt von den steilen Felswänden der Berge Vassitjåkko und Kärketjårro, auf deren Kuppen noch Schneereste vom letzten Winter liegen. Zarte Wasserfälle fließen wie Seidenschnüre am schroffen Gestein entlang, werden von den Winden zerstreut. Schmale Pfade enden an riesigen Felsklumpen, wir klettern, stapfen und staunen. Die Formen und Farben wandeln sich stetig, mal liegen uns bunte Scherbenhaufen zu Füßen, die wie zerbrochenes Porzellan anmuten, dann wieder schichtet sich das dunkle Gestein vertikal in Blöcken. Vor 9.000 Jahren schmolz hier das Inlandeis der letzten Eiszeit, das Tal liegt seither nahezu unberührt und selbst Wanderer verirren sich nur selten hier her.

Versteckt in einem natürlichen Windschutz aus beinahe schwarzem Fels entdecken wir eine kleine Forschungshütte von schwedischen Geologen. Der Windmesser dreht sich schwindelig. Hinter jedem Bergkamm erwartet uns ein neues Tal im Tal. Wir achten nicht auf die Zeit und lassen uns völlig auf das Naturerleben ein, folgen den schmalen Trampelpfaden mit neugierigen Kinderaugen. Bis es dann plötzlich vor uns auftaucht: Das Ende des Tals, eine Felswand, an der ein Rinnsal in den dunkelblauen und spiegelglatten Trollsjön fällt, der vor uns im Talkessel liegt. Er wird zum Symbol für das Ende unserer Reise. Die Fahrtrichtung wechselt, die innere Leere weicht einem Potpourri aus allen Gefühlen der Welt.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge – vom eisigen Wind – erreichen wir den Bulli. Eine kurze Stärkung, Zimtschnecken und Kaffee. Kurz hinter Abisko kehrt der Regen zurück. Der See Torneträsk verabschiedet uns mit Regenbögen, doch wenige Minuten später versinkt wieder alles im Nebel. In Kiruna müssen wir uns diesmal nicht nur die Mine denken, sondern die ganze Stadt; in Schrittgeschwindigkeit navigieren wir durch die Nacht. Zurück in Skabram brechen unsere letzten Stunden in Lappland an, denn hier wird er morgen früh wirklich beginnen, unser langer Heimweg Richtung Süden.

Photography

Constantin Gerlach, Laura Droße

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Laura Droße

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Friluftsliv – Naturverbundenheit auf Schwedisch

Friluftsliv

Naturverbundenheit
auf Schwedisch

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Wir sind Teil der Natur. Lausche dem Klang: Wir sind Natur. Ich bin Natur. Wie fühlt es sich an? Aufregend? Seltsam? Ungewohnt? Oder vielleicht: Wunderschön?

Während der letzten Jahrhunderte hat sich die Menschheit mehr und mehr von Wäldern und Ozeanen abgeschottet, vonn Wüsten und Bergen. Sie hat stattdessen ihre eigenen Landschaften aus Beton, Glas und Stahl erbaut – und dadurch ihre Verbindung zur und ihre Einheit mit der natürlichen Welt verloren. Gleichzeitig scheinen auch immer mehr Menschen ihre Zufriedenheit, Verbundenheit und ihren inneren Frieden zu verlieren.

Die Natur lebt in uns, genau wie wir in ihr leben sollten. Und wann immer wir es zulassen, können wir uns wieder mit ihr verbinden, ihren Klang hören und ihren Rhythmus spüren. Für vier Wochen sind wir unserem Alltag entflohen und haben in Schweden zwischen Wäldern und tausend Seen unsere eigene Version des „Friluftsliv“gefunden.

„Friluftsliv“ setzt sich aus den Worten frei, Luft und Leben zusammen, wobei frei das Wesentlichste der drei ist. „Frei“ verbinden wir meist mit Vorstellungen wie weit, offen und auch ohne Limits oder Grenzen – und genau diese Vorstellungen müssen wir nun nicht mehr nur auf äußere Landschaften anwenden, sondern auch auf unsere Sinne und unsere inneren Räume, unseren Geist.

Der Entdecker Fridtjof Nansen glaubte, dass die freie Natur unser wahres Zuhause sei und dass unser Weg zurück zu diesem Zuhause darin läge, unsere Verbindung zur natürlichen Welt zurückzugewinnen.

Mit einem Campervan unterwegs zu sein, torpediert unsere Absichten zwar ein wenig und widerspricht sogar beinahe der eigentlichen Idee hinter Friluftsliv – vollkommen in die Natur einzutauchen. Und so müssen unser Anfängergeist und Enthusiasmus, unsere Freude darüber nicht mehr in der Stadt festzustecken, unsere Mogelei ausgleichen.

An einem ruhigen Ufer bei Uttervik verbringen wir unseren ersten Abend, entzünden an der steinigen Küste ein Feuer und beobachten die Frachtschiffe in der Ferne, während die Sonne langsam untergeht. Eine erste Ahnung des simplen Glücks des Draußenseins.

Nach trockenem Holz suchen, es in kleinere Stücke hacken, das Essen vorbereiten… lässt unmittelbar unser inneres städtisches Tempo langsamer werden. Und als das Feuer anfängt zu knistern, rauscht ein Strom Zufriedenheit durch meinen Körper.

Was ist es, das ein Lagerfeuer so beruhigend macht, so „genug“? Wie kann einfach nur dazusitzen, und dem Feuer beim Brennen zuzusehen anscheinend die Macht haben jede*n auf eine ganz bestimmte Art zu berühren, und einen Frieden erwecken auf beinahe spirituelle Art? Und so faszinierend allein diese vereinende Qualität ist, ist es beinahe noch beeindruckender, dass die Stadtmenschen aus der heutigen Epoche, ständig auf der Suche nach einer neuen Art der Befriedigung, nicht gelangweilt sind von einem Feuer, das einfach nur brennt.

In Schweden wird alles erklärt werden, das Geheimnis des Feuers, wie auch meine Liebe für Assymetrien. Der Kodierungsschlüssel? Ein wenig Biologie und eine einfache Wahrheit: Wir sind Natur.

Hans Gelter, Wissenschaftler an der Technischen Universität in Luleå, den ich bei einer anderen Reise ins Schwedische Lappland vor ein paar Jahren kennenlernen durfte, hat die Philosophie hinter „Friluftsliv“ erforscht und erklärt eine simple Tatsache: In der Natur gibt es nichts, dass gerade oder gleichförmig ist, nichts ist eben oder gleichbleibend.

Die Natur hat ihre eigenen Muster und Strukturen, ihre eigenen biologischen Rhythmen, verbunden mit dem Lauf des Mondes und den Jahreszeiten. Doch anders als in unseren menschgemachten Städten, sind diese Rhythmen und Strukturen fraktal, in jeder Variante ein wenig anders und ständig im Wandel.

Die Verarbeitungsstruktur unseres Gehirns, wie auch unsere innere Uhr arbeiten nach denselben fraktalen Mustern, da sich unsere innere Struktur nicht so schnell weiterentwickelt und geändert hat wie unser Lebensstil. Und jedes Mal, wenn wir in die Natur eintauchen, haben wir die Möglichkeit uns wieder völlig mit unserer Umgebung zu synchronisieren, uns wieder zu verbinden uns wieder zu „naturieren“.

Während wir in ein Feuer gucken, können unsere Gedanken wieder genauso ungezähmt umherfliegen wie die Funken. Und lange nachdem wir unsere Mahlzeit beendet haben, liege ich auf dem kühlen sandigen Boden und schaue friedlich zu einer weiteren Art von fraktalem Funkeln hinauf: Weit weg von der nächsten Großstadt liegt ein herrlicher Nachthimmel über uns und die Sternschnuppen fragen uns nach unseren tiefsten Wünschen.

Es ist spät im September und die schwedische Landschaft hat sich in ein farbenfrohes Fest für die Sinne verwandelt. Während die unzähligen Koniferen ihr dunkles Grün behalten, zeigen sich die Birken, Buchen und Ulmen in allen denkbaren Schattierungen von Gelb, Orange und Rot. Birkenblätter bedecken die Oberfläche von kleinen Wellen am Seeufer und wirbeln mit den ersten kühleren Herbstwinden durch die Luft. Seenebel schleicht von der Bottensee heran, ein feuchter Dunst streift sanft unsere Gesichter.

Für lange Strecken folgen wir nur einer einzigen Straße durch dieses weite Land. An den meisten Tagen gibt uns unser Navi Anweisungen wie „Folge der Straße für 48km geradeaus!“, was uns Stunden voller frei fliegender Gedanken und Beobachtungen erlaubt.

Keine Notwendigkeit auf die Karte zu schauen oder irgendetwas zu planen, und dafür alle Zeit der Welt sich umzusehen und die Umgebung in sich aufzunehmen, ihre sich langsam wandelnden Formen, Farben und Atmosphäre. Selbst im Auto fühlen wir uns mit dem Land und dem Wetter verbunden und immer wieder fahren wir sogar völlig ohne Musik oder irgendeine Konversation, denn alles was da ist, ist bereits genug.

Gleichwohl ist es abseits der Straßen, wo uns das echte Friluftsliv erwartet; wo nicht nur unser visueller Sinn mit neuen BIldern stimuliert wird, sondern sogar die Sinne, welcher wir uns oftmals nicht einmal bewusst sind: Der Klang von hämmernden Spechten und kämpfenden Auerhähnen klingt neu in unseren Ohren, bei einer Wanderung auf dem „Kustleden“ liegt plötzlich der „Geruch nach nassen Tieren“ in der Luft… der moosige Boden unter unseren Füßen fühlt sich weich und beinahe wie ein Kissen an und überrascht uns in Farbtönen von lila, grün und weiß.
Die unfassbare Süße der frisch gepflückten Blaubeeren, aus einem Überfluss an Sträuchern zu beiden Seiten des Weges… Und als uns der Pfad durch steiniges Gelände führt, wird auch unser Tastsinn aktiviert, als wir uns an kalten Steinen und nassen Baumstämmen festhalten und auf rutschigen Felsen balancieren – eine ungewohnte Herausforderung auch für die eingerosteten städtischen Knöchel und Füße.

Umgeben von Natur beginnen wir, uns gleichzeitig vorsichtiger, aber auch mit einer höheren Aufmerksamkeit zu bewegen; Instinkte erwachen, die für eine lange Zeit im Tiefschlaf lagen… und durch ungewohnte Bewegungen und mit neuer Wachheit erreichen wir auch neue Energie-Level und erfahren so eine Art geistige Erneuerung. In der vermeintlichen Stille, nach der wir uns so dringlich gesehnt haben, lernen wir völlig neue Dinge zu hören, völlig neue Gedanken zu denken; unser Kopf und unser Geist vollkommen angefüllt von der Natur selbst.

Wir folgen dem „Vildmarksvägen“, einer Route, die beinahe die norwegische Grenze streift und überqueren auf ihr auch die höchste fahrbare Straße Schwedens, den „Stekenjokk Pass“. Allmählich beginnen die nebligen Wälder zu verschwinden und die Szenerie einer Hochebene erscheint zu beiden Seiten der Straße. Hügelige Ebenen ziehen sich bis zum Horizont und weit entfernt können wir die markanten roten Holzkreuze erkennen, die einen weiteren der zahllosen Wanderpfade kennzeichnen, die das Land durchziehen.

Eine Rentier-Herde grast ruhig in der Ferne, die glatte Berglinie liegt unter einem sanft wolkigen Himmel, während goldene Sonnenstrahlen auf die Kulisse fallen. Es ist beinahe unerträglich in seiner Schönheit und zweifellosen Natürlichkeit. Obgleich ich aufgeregt bin, verlangsamt sich mein Herzschlag. Vorsichtig laufe ich zwischen den Sträuchern in die sumpfigen Wiesen.
Das Gurgeln eines kleinen Baches fängt meine Aufmerksamkeit und ich erkenne die Bewegungen der Wolken in ihm gespiegelt. Ein erbarmungsloser Wind biegt das Wollgras und beißt in meine Wangen. Und als meine Füße bei jedem Schritt ein wenig einsinken, bin ich in gänzlicher Harmonie mit meiner Umgebung und mein Geist wird völlig von der Landschaft absorbiert. Zeit hört auf zu existieren und ein tiefer innerer Friede erfüllt mich.

Mit einer seligen Müdigkeit werde ich heute Nacht in den Schlaf sinken. „Eindrucksmüdigkeit“ ist mein Wort für diesen neuentdeckten Bewusstseinszustand. Sie wird zu einer Begleiterin auf dem Rest unserer Reise, während wir uns in die Landschaften von Schwedisch Lappland verweben.

Wir hätten an keinen besseren Ort gehen können. Unserer Route folgend, werden die Ortschaften immer spärlicher und wäre nicht das Bewusstsein auf einer Straße unterwegs zu sein – das Land würde wirkte beinahe wie unberührt von menschlicher Hand.
Wir haben Sápmi erreicht, das Land der indigenen Samí und obgleich wir nur einigen wenigen persönlich begegnen werden, welche einen modernen Lebensstil adaptiert haben und deshalb nicht wie die Hirten und Jäger gerade mit den Tieren in den Bergen sind, erzählt der Geist dieser Gegend ihre Geschichten. Als wir eines der alten Samí Dörfer, Ankarede, besuchen, weiß ich dass wir nicht alleine dort sind, obwohl das Dorf verlassen ist.

Wir werden viele weitere dieser Augenblicke sammeln und sie in unserem Geist mit uns nehmen. Wir werden Samí Malereien an einem Wasserkraftwerk sehen, eine Bitte an die Ahnen das ausgebeutete Land zu schützen; wir werden uns gegen kräftige Winde stellen, welche Wellen erzeugen und einen See in einen Ozean verwandeln; wir werden zum Trollsjön wandern (Rissájávri auf Northern Samí), begleitet von frischer, klarer Luft und einer ersten Winterkühle, von tief hängenden Wolken und unbarmherzigen Winden;
von der ungeheuren Weite des Kärkevagge Tals, das immer nur noch weiter wird, wann immer wir einen Grat erreichen. Und auf unserem Rückweg vom plötzlichen goldenen Sonnenlicht, als sich der Blick vor unseren Augen auftut und bis zu den Schneekuppen auf den norwegischen Bergen reicht.

Arne Nress beschreibt Friluftsliv als „einen Paradigmenwechsel des Weltbildes, eine emotionale Identität.“

Wenn wir Teil des Flusses werden, des Waldes, des Berges, erleben wir das Gefühl von Heimat an einem Ort, an dem wir nie zuvor waren. Und mit unserer neuen Identität beginnen wir dort draußen mit uns selbst zu sein, anstatt allein.

„In der Wildnis, in der Einsamkeit des Waldes, mit einem Blick zu den Bergen und einem Abstand zu Lärm und Verwirrung – dort ist es, wo der Charakter geformt wird.” 

                                                                                                                          – Nils Faarlund

Photography

Constantin Gerlach, Laura Droße

Text

Laura Droße

Ein riesen Dankeschön an unsere Partner auf dieser Reise. Ohne euch wäre das alles nicht möglich:

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Friluftsliv in Sweden – Reconnecting with Nature

Reconnecting with Nature

Friluftsliv in Sweden

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We are a part of nature. Listen to that sound: We are nature. I am nature. How does it feel? Exciting? Odd? Unfamiliar? Or maybe: Beautiful?

In the last centuries humanity has more and more sealed itself off from forests and oceans, from deserts and mountains. Built its own landscapes with concrete, glass and steel instead – and thus lost its connection, its unity with the natural world. Simultaneously many of us seem to lose their happiness, connectedness and inner peace.

Nature lives inside us, as we are supposed to live inside it. And whenever we allow it, we can reconnect, hear the sounds and feel the rhythms. Four weeks we fell off the grid and found our own version of „Friluftsliv“ between forests and a thousand lakes in Sweden.

„Friluftsliv“ consists of the words free, air and life, with free being the most crucial. As we link „free“ with notions such as wide, open and without limits or barriers, we need to apply these not only to outer landscapes, but to our senses and our inner spaces, our mind.

Explorer Fridtjof Nansen believed, that free nature is our true home and reclaiming our connection with the natural world would be our way back to that home.

Traveling with a campervan generally torpedoes our intention and almost contradicts the idea behind friluftsliv – to fully immerse in nature. Our beginners mind and our enthusiasm for being „unstuck“ from the city will have to compensate our cheating.
And as we find ourselves at a tranquil waterfront in Uttervik on our first evening, starting a fire on the stony shoreline and watching some cargo ships in the distance, while the sun slowly sets; we get a first grasp of the simple pleasure of being outdoors.
Searching for dry wood, cutting it to smaller pieces, preparing the food already slows down our inner urban pace. And as the fire starts crackling, a rush of happiness flows through my body.

What is it, that makes a campfire so soothing, so „enough“? How can just sitting there, watching it burn, seemingly have the power to touch everyone alike, bring peace in an almost spiritual way? And as fascinating this unifying quality alone is, it is even more intriguing that urban people from this day and age, endlessly on the lookout for new satisfaction, don’t get bored by a fire simply burning.

In Sweden everything will be explained, from the mystery of the fire to my love for asymmetries. The encryption key? A little biology and a simple truth: We are nature.

Hans Gelter, scientist at the technical university in Luleå, who I had the pleasure to meet a few years ago on another trip to Swedish Lapland, did research on the philosophy behind „Friluftsliv“ and he is explaining one simple fact: In nature nothing is straight or uniform, flat or consistent.

Nature has its own patters and structures, its own biological rhythms connected to the moon and the seasons. But unlike in our manmade cities, they are fractal, each time slightly different, ever changing. The processing structure of our brain and our inner clock work within these same fractal patterns, as we have not evolved with the same speed as our lifestyle has. And whenever we immerse ourselves in nature, we can fully synchronize with our surroundings again, re-connect and re-nature ourselves.

By looking at a fire, our thoughts can spin untamed just like its sparks. And long after our meal is finished, I find myself lying on the cold sandy ground, peacefully looking at another form of fractal sparkling: A glorious night sky far away from bigger cities, the falling skies asking for our deepest wishes.

It is late September and the Swedish landscape has turned into a colourful feast for the senses. While the myriad of coniferes stays dark green, the birches, beeches and elm trees display every shade of yellow, orange and red imaginable. Birch leaves are covering the surface of tiny waves at the lakeshores and whirl through the air in the first chill autumn winds. Sea fog creeps up from the Bothnian Sea, a misty haze gently touching our faces.

For long stretches we are following a single road through this vast country. Most days our navigation system will tell us something like „go straight for 48km!“, which allows for long hours of free flowing thoughts and observation.

No need to look at a map or to plan anything, but all the time in the world to look around and take in the scenery and its subtly changing shapes, colors and atmosphere. Even  inside the car we feel connected to the land and the weather and from time to time we are driving without music or any conversation at all, as there is enough already there.

Nevertheless it is off the road, where the real Friluftsliv awaits; where not only the visual sense is stimulated with new sights, but even those senses, that we are rather seldom truly aware of: Sounds of hammering woodpeckers and fighting wood grouses new to our ears, while hiking a part of the „Kustleden“ suddenly the „smell of wet animals“ lies in the air… the mossy ground beneath our feet feels soft and cushion like and surprises us in shades of purple, green and white. The incredible sweetness of blueberries, freshly picked from an abundance of shrubs to both sides of the trail. And as our hike leads us through some rocky terrain, our tactile sense is activated, as we hold on to cold stones and wet tree trunks, balancing on slippery crags – an unusual task for rusty urban ankles and feet.

Being surrounded by nature, one starts to move simultaneously more careful and with a hightened awareness; instincts kick in, that were asleep for a long time… And through this movement and alert state, one reaches new levels of energy and experiences a form of mental renewal. In the alleged silence we so urgently craved, we learn to hear new things and think new thoughts; our mind and our spirit filled with nature itself.

We are following the „Vildmarksvägen“, a route that almost touches the Norwegian border and includes the highest road in Sweden, the „Stekenjokk Pass“. Slowely the misty forests begin to disappear and a fjell like scenery lies to both sides of the road. Hilly planes stretch as far as the horizon. In the distance we spot the distinctive red wooden crosses, marking another one of countless hiking paths crossing the land.

A reindeer herd is silenty grazing in the distance; a smooth mountainscape lies under a softly clouded sky, while golden sunbeams fall onto the scenery. It is almost unbearable in its beauty and undeniably nativeness. Although I am excited, my heartrate slows down. Carefully we walk into the scrubs and boggy meadows. The gurgling of a tiny stream captures my attention, and I see the movement of the clouds mirrored in it. An unrelenting wind is bending the cotton grass a